Vielleicht kennst du die Situation: Du bist gerade (noch) in Elternzeit. Und irgendwo zwischen Stillen, Spielplatz und diesem einen Moment Ruhe, bevor das Kind wieder wach wird – kommt dieser Gedanke hoch: Will ich eigentlich zurück? Irgendwie fühlt es sich nicht mehr stimmig an.

Und direkt danach das schlechte Gewissen. Du hattest doch einen guten, sicheren Job. Vielleicht sogar einen, den du mal wirklich gerne gemacht hast – und trotzdem fühlt es sich jetzt mit etwas Abstand irgendwie nicht mehr stimmig an.

Wenn dir das bekannt vorkommt: Willkommen im Club.

Der Wunsch nach einem neuen oder ganz anderen Job nach der Elternzeit ist eines der häufigsten Themen, die mir in meinen Coachings begegnen. Und dann kommt oft die Frage auf: Wieso fühlt sich der Gedanke an meinen Job plötzlich so anders an?

Du hast dich verändert.

Mal ehrlich – als wir schwanger waren, haben wir alle gedacht, dass wir zwar ein Kind bekommen, uns dadurch aber nicht verändern. Klar, das Leben drumherum verändert sich. Aber du? Du bleibst du.

Jetzt stellst du fest: Das stimmt vielleicht nicht ganz.

Dein Alltag hat sich verändert. Dein Körper hat sich verändert. Dein Schlaf sowieso. Aber auch die Art, wie du denkst. Dein Blick auf die Welt. Deine Werte. Und ganz sicher auch deine Prioritäten.

Und durch all diese Veränderungen kommen Fragen auf, die du so vielleicht vorher nicht betrachtet hast. Entweder weil sie wirklich nicht da waren – oder weil du dir bislang nicht erlaubt hast, so zu denken. Wie wichtig ist mir mein Jobtitel eigentlich? Welche Rahmenbedingungen brauche ich für meine Arbeit? Was macht mich wirklich glücklich? Was will ich?

Diese Veränderung beschreibt mehr als „nur" Mama zu werden. Sie ist ein Identitätswandel, der sich Stück für Stück einschleicht – und dir nochmal die Chance gibt, genauer hinzusehen und mehr bei dir anzukommen.

Dein Job hat sich verändert.

Während dein Leben einmal auf den Kopf gestellt wurde, ist dein Job und Unternehmen auch nicht stehen geblieben. Vielleicht hast du mittlerweile eine neue Führungskraft und neue Kolleg:innen. Sicherlich haben sich auch Prozesse, Prioritäten, Projekte und Ziele verändert.

Das heißt: Wenn du zurückkommst, treffen nicht die alte Version von dir und der alte Job aufeinander. Es treffen zwei Systeme aufeinander, die sich beide unabhängig voneinander weiterentwickelt haben. Manchmal in die gleiche Richtung, manchmal in eine andere. Und beides ist okay.

Psycholog:innen sprechen bei großen Lebensereignissen übrigens von „Transitions" – Übergangsphasen, in denen Menschen ihre Identität neu sortieren. Das kennst du schon aus deiner Pubertät – und genau das passiert häufig auch rund um die Geburt eines Kindes.

Dieser Umbruch des Mama-Werdens ist so groß, dass es für ihn sogar einen eigenen Begriff gibt: Matrescence. Geprägt hat ihn die Anthropologin Dana Raphael schon in den 1970ern – als Beschreibung für den psychologischen, hormonellen und sozialen Wandel, den Frauen beim Übergang in die Mutterschaft durchlaufen.

Mit anderen Worten: Wenn du nach der Elternzeit anders auf deinen Job schaust als vorher, ist das kein persönliches Problem. Es ist eine ziemlich logische Folge einer der größten Veränderungen, die ein Mensch erleben kann.

Aber woher kommt dieses Gefühl eigentlich genau?

Die meisten Mamas, mit denen ich spreche, haben zwar ein diffuses Gefühl von „Irgendwie will ich das nicht mehr" – aber es fehlt ihnen Klarheit darüber, woher dieses Gefühl genau kommt und was sie stattdessen wollen.

Und das ist völlig normal. Du hast mehrere Monate in deiner eigenen Bubble rund um dein Kind gelebt. Da fühlt es sich erstmal komisch an, wieder eine andere Welt – die Arbeitswelt – zu betreten. Und vielleicht ist da auch ein mulmiges Gefühl, wenn du daran denkst, dass dein Kind bald einige Stunden anders betreut wird und ihr nicht mehr den ganzen Tag zusammen seid.

Die entscheidende Frage ist also: Habe ich nur generell ein mulmiges Gefühl, wenn ich an meinen Wiedereinstieg denke – oder ist es wirklich mein Job?

Du musst jetzt noch keine Entscheidung treffen.

Eine Sache sage ich meinen Coachees ziemlich oft: Du musst heute nicht wissen, wie dein beruflicher Weg in fünf Jahren aussieht – denn du kannst immer wieder neu entscheiden. Das nimmt erstmal Druck aus der Situation.

Und du musst auch nicht sofort entscheiden, ob du kündigst, bleibst, dich selbstständig machst oder nochmal komplett neu anfängst.

Wichtig ist, dass du dein Gefühl und deine leisen Gedanken ernst nimmst – und sie nutzt, um nochmal genauer hinzuschauen. Was macht dir Spaß? Was bedeutet Arbeit für dich? Und wie kann Vereinbarkeit für dich aussehen? Dann wirst du Klarheit gewinnen, Stück für Stück.

Drei Fragen, mit denen du heute schon anfangen kannst

Wenn du magst, nimm dir heute – auch wenn's nur zehn Minuten sind – ein bisschen Zeit und schreib dir ein paar Gedanken auf:

  • Was hat sich durch die Elternzeit an meinen Werten oder Prioritäten verändert?
    Was ist dir heute wichtiger als vorher? Und was ist dir weniger wichtig geworden?
  • Was genau ist es bei meinem Job, das sich nicht mehr stimmig anfühlt?
    Sind es die Aufgaben? Die Rahmenbedingungen? Das Unternehmen? Oder doch eher die Angst vor dem Wiedereinstieg?
  • Wenn ich in drei Jahren auf diese Zeit zurückschaue – was möchte ich dann über diese Entscheidung sagen können?
    Nicht was du tun wirst. Sondern wie du dich dabei fühlen willst.

Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Es geht darum, dir die Fragen überhaupt erstmal zu stellen.